Als der aus Oberösterreich stammende Benediktinerpater Romanus Weichlein 1691 als Hauskaplan und Musikpräfekt nach Säben berufen wurde, hatte er allen Grund, sein Leben neu zu ordnen. 1678 hatte er im Streit seine Pfarrhaushälterin erschlagen. Zur Mordanklage kam es nicht, weil ihm das Recht auf Notwehr zugestanden wurde, und so kam er nach einer kurzen Zwischenstation bei den Salzburger Benediktinerinnen in das neu gegründete Konvent nach Säben, wohin er auf ausdrücklichen Wunsch der Äbtissin berufen wurde. Hier sollte er bis 1705 bleiben und seine wichtigsten Werke verfassen. Denn auch musikalisch standen die Zeichen für den 39jährigen auf Erneuerung. Seine Sammlung von 12 Sonaten, die er 1695 in Innsbruck publizierte, nannte er Encaenia musices, was soviel heißt wie musikalische Erneuerung. Dabei standen ihm zwar die Ensemblesonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber Pate, er transformierte sie aber geschickt, indem er sie mehrsätzig gestaltete und Elemente von Solo- und Triosonaten integrierte. Die Klosterchronik jedenfalls vermerkte, dass er nicht nur neue Musikinstrumente für Säben anschaffte, sondern auch von Musik begleitete Theateraufführungen für das Kloster schuf. 7 von insgesamt 12 Sonaten aus dieser Sammlung wurden am vergangenen Donnerstag in der Brixner Seminarkirche vom Ensemble vita & anima dargeboten; dazu 12 Duette für 2 Naturtrompeten (Clarini). Ein Glücksfall, der sich nur dank einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Brixner Stiftung Musik & Kirche, dem Festival Musica Sacra und den Tiroler Landesmuseen ereignen konnte. Letztere sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Werke wie die eines Romanus Weichlein das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Zur Aufführung von solch musikalischen Kleinodien bedarf es Spezialisten, die mit historischen Instrumenten jenen musikantischen und experimentierfreudigen Zugang finden, den diese Kompositionen erfordern. Das von Peter Waldner 1999 gegründete Ensemble vita & anima erfüllte unter der Leitung von Gottfried von der Goltz (Barockvioline) genau diese Anforderungen und musizierte in ebenso spielerischer wie unprätentiöser Weise Musikstücke, die sich keineswegs weltentrückt oder ausschließlich kontemplativ anhörten, wie man es sich für ein Frauenkloster erwarten würde. Im Gegenteil: Witz und Esprit, Lebensfreude und Festlichkeit strahlen die vom Basso continuo (Orgelpositiv: Peter Waldner) begleiteten Sonaten für Streicher, häufig ergänzt durch zwei Naturtrompeten, aus. Neben Karoline Echeverri (Barockvioline), Joanna Michalak und Nina Pohn (Barockviolen), Annekatrin Beller (Barockvioloncello) und Barbara Fischer (Violone) ist es vor allem Andreas Arend an der Theorbe, der den melodischen Einfallsreichtum Weichleins rhythmisch antreibt, wodurch man gelegentlich an spanische Lautenmusik oder an eine Jazzsession erinnert wird. Dazwischen erklingen alternierend je zwei Duette mit unterschiedlichen Satzbezeichnungen in fanfarenartiger Feststimmung oder lautmalerischer Verspieltheit, etwa im Duett Der Gugu, in denen Martin Patscheider und Christian Gruber, beide ausgewiesene Spezialisten, ihre Virtuosität an dem überaus anspruchsvollen Instrument erkennen lassen. Das Publikum ist begeistert über die bisher unbekannten Facetten eines Frauenklosters in barocker Zeit.
Barbara Fuchs - Dolomiten: Das Tagblatt der Südtiroler