Im kulturellen Bereich hat das Prinzip des startups, der modernen Unternehmens-gründung mit hohem Wachstumspotential, wenig Chancen auf Erfolg. Wenn kulturell Nachhaltiges entstehen soll, dann braucht es Jahrzehnte kontinuierlicher Aufbauarbeit. Für geistliche Musik haben sich vor einigen Jahrzehnten nur wenige Menschen begeistern können. Kulturschaffende haben mit ihren qualitativ hochstehenden, aber niederschwellig zugänglichen Angeboten ein fruchtbares Terrain bereitet, allen voran die Brixner Initiative Musik und Kirche mit ihrem Gründer und langjährigen künstlerischen Leiter Josef Lanz, aber auch das Festival Musica Sacra mit Hanns Egger und Musica Viva Vinschgau mit Dieter Pinggera, sodass heute Gesellschaft und Politik mit Genugtuung auf eine vielfältige und weithin ausstrahlende Konzertlandschaft zählen können.
Die Präsentation von fünf Tonträgern, die am Donnerstag in der Hofburg Brixen stattfand, stellt in dieser Hinsicht einen zukunftsweisenden Meilenstein dar. Mit dem Projekt wurden nicht nur Landesgrenzen überschritten, sondern auch Grenzen musikalischer Genres, Tätigkeitsschwerpunkte und künstlerischer Ausdrucksformen. Neben den genannten Konzertveranstaltern sind es vor allem die Musikabteilung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum mit ihrem Kustos Franz Gratl und der Südtiroler Künstlerbund, deren Expertisen dieses Projekt maßgeblich begleiten. Die in der Praxis schon lange bestehende Zusammenarbeit zwischen Südtiroler Veranstaltern und den Tiroler Landesmuseen wurde in dem Projekt Historische Orgeln in Südtirol durch die Kulturabteilung des Landes auf solide Beine gestellt. So erfüllt sich nach vielen Jahren ein Traum vor allem für den aus Mals im Vinschgau stammenden Organisten und ausgewiesenen Spezialisten für historische Tasteninstrumente Peter Waldner; er wird sein Herzensprojekt in den nächsten Jahren zum Abschluss bringen und freut sich, durch seine Interpretationen teils vergessener Musik neues Leben einzuhauchen: Diese Musik ist so voll von Affekten und Emotionen, dass ein konkreter Lebensbezug zu uns heutigen Menschen hergestellt werden kann. Das beweisen auch die stets ausverkauften Konzerte. Auch wenn diese Tonträger einen regionalen Bezug haben, so ist ihre Resonanz doch international. Die letzten CD-Einspielungen etwa wurden von der renommierten belgischen Fachzeitschrift Crescendo allesamt mit der höchstmöglichen Punktezahl für die Interpretation bewertet. Das unerschöpfliche Repertoire der Werke, die bisher zum Teil in den Archiven schlummerten, beflügeln mich als Musiker, dem Publikum möglichst kreativ jene Klangvorstellungen zu vermitteln, die für die Charakteristika des jeweiligen Instruments vorgesehen waren. Die CD, welche 2021 an der Schwarzenbach-Orgel der Kirche St. Peter in Auer und am Apfelregal aufgenommen wurde, trägt bezeichnenderweise den Titel Charakterklänge.
Überraschende Entdeckungen historischer Instrumente und Handschriften aus dem Archiv des Klosters Marienberg sowie aus dem Vinschgau stammende Organisten - neben Peter Waldner sind es auch Marian Polin und Lukas Punter - ließen den Konzertverein Musica Viva Vinschgau seine wichtige Rolle als Förderer dieser Musiksparte erkennen, wie Dieter Pinggera, seit 2022 dessen Präsident, bemerkt. Auch sein Verein hat das Projekt maßgeblich unterstützt.
Moderne Aufnahmetechniken, wie sie dem jungen Südtiroler Tontechniker Simon Lanz zur Verfügung stehen, machen die zwischen 2020 und 2023 erschienenen CDs zu seltenen Kostbarkeiten, zumal alte Handschriften auch unterschiedliche Musikstile und Aufführungspraxen preisgeben. Für Interessierte und Studierende besteht außerdem die Möglichkeit, jede der historischen Orgeln auf dem Youtube -Videokanal Südtirol in concert nachzuhören.
Franz Gratl, der Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum meint auf Nachfrage der Dolomiten über die wissenschaftliche Bedeutung des Projekts: Die unvergleichliche Vielfalt verdankt die Südtiroler Orgellandschaft ihrem Charakter als Transitland: So hat beispielsweise der 1617 bei Como geborene und 1700 in Trient verstorbene Meister Carlo Prati vor allem im Trentino, im Etschtal und im Vinschgau Orgeln gebaut. Nachweislich arbeitete er aber auch an der Stiftskirchenorgel in Stams und an der Pfarrkirchenorgel in Innsbruck. Einflüsse aus dem Norden zeigen sich sowohl im Aufbau der Orgel selbst als auch in der Orgelliteratur, die in den jeweiligen Zentren gepflegt wurde. Zwischen den italienischen und deutschen Orgeln bestehen substantielle Unterschiede, die sich durch unterschiedliche Klangvorstellungen erklären lassen. So trägt die letzte der CDs mit Orgeln aus dem Vinschgau bezeichnenderweise den Titel Italiani & Oltremontani. Neben den Orgeln selbst wurden auch die in den Bibliotheken der Klöster, etwa des Franziskanerklosters Bozen, befindlichen Musikalien systematisch erfasst und stehen in leicht zugänglichen Editionen zur Verfügung.
Dolomiten: Was hat es mit der Essack-Handschrift von Elias de Sylva auf sich, auf die sich die CD Manualiter – Barocke Kleinorgeln in Südtirol bezieht?
Gratl: Die Essack-Handschrift, ursprünglich nach ihrem Auffindungsort Brixner Orgelbuch benannt, ist eine zentrale Quelle für Orgelmusik aus Tirol. Der aus Kaltern stammende Organist Elias de Sylva (1665 - 1732) hat darin eine Vielzahl von Orgelwerken gesammelt, die vor allem für den liturgischen und didaktischen Gebrauch verwendet wurden. De Sylva war Kapellmeister im Haller Damenstift, das sich eine eigene Hofkapelle leistete. Die Sammlung enthält anspruchsvolle Werke, wie etwa jene des Franziskaners Ingenuin Molitor, Johann Jakob Walthers oder des Innsbrucker Hoforganisten Johann Pader.
Auch für Josef Lanz, den künstlerischen Leiter der Stiftung Musik Brixen erfüllt sich nach vielen Jahren ein lang gehegter Wunsch: Den Plan, mit einheimischen Künstlern Alte Musik auf höchstem Niveau zu verwirklichen, hatte ich schon, als die Initiative Musik und Kirche zwischen 1992 und 1997 eine jährliche Akademie für Alte Musik mit Joshua Rifkin veranstaltete. Der Zulauf internationaler Gäste war enorm, aber in Südtirol war die Zeit noch nicht reif. Es fehlten Musiker*innen auf dem Gebiet der neuen Aufführungspraxis Alter Musik. Das hat sich nun grundlegend geändert. Die wissenschaftliche Expertise, die Hildegard Hermann Schneider durch die Aufarbeitung des Bestandes im Diözesanarchiv und Franz Gratl vom Ferdinandeum Innsbruck bieten, ist dabei von unschätzbarem Wert.
Neben der Alten Musik liegt mir aber auch sehr stark die zeitgenössische Musik am Herzen. Eine der CDs enthält Werke, die der Südtiroler Künstlerbund als Aufträge an die Südtiroler Komponisten Georg Malfertheiner, Eduard Demetz, Herbert Grassl, Gerd Hermann Ortler, Hannes Kerschbaumer und Robert Rabanser vergeben hat. Das lebendige Südtiroler Musikleben spiegelt sich auch durch die Interpreten, das Südtiroler Ensemble conTakt percussion group, wider, ebenso durch die Gestaltung des Covers, die Lois Anfidalfarei verantwortet hat.
Der langjährige Präsident des Festivals Musica Sacra, Hanns Egger, würdigt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit als wichtigsten Grund für das Gelingen des CD-Projekts: Durch das Netz, das der künstlerische Leiter Josef Lanz in den vergangenen Jahren aufbaute, und die Einbeziehung des gesamtes Raums der EUREGIO konnte auch das Festival Musica Sacra Konzerte dieser Reihe in sein Programm aufnehmen. Auf Publikumsseite erleben wir großes Interesse an vergessenen Komponisten des Territoriums, wie zum Beispiel Schgraffer, Faitelli oder von Plawenn, aber auch an zeitgenössischer geistlicher Musik. Zahlreiche Kompositionsaufträge wurden von uns vergeben; im 50. Jahr des Bestehens wurde sogar ein Wettbewerb zum Thema Te Deum ausgeschrieben.
Alle Südtiroler Orgel-CDs sind im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum erhältlich. Die Sammlung wird in den nächsten Jahren weiter komplettiert, eine CD mit weihnachtlicher Orgelmusik erscheint noch in diesem Jahr, eine Aufnahme von vier historischen Orgeln aus Sterzing, Klausen, Lajen und Obervöls dann im nächsten Jahr.
Barbara Fuchs - Dolomiten: Das Tagblatt der Südtiroler