Wenn Peter Waldner zu Auftritten fährt, ist sein Auto oft vollgepackt. Nicht, weil Waldner mit übermäßig viel Reisegepäck unterwegs ist; es ist sein eigenes Instrumentarium, das den gesamten Platz schluckt. Das nimmt der Südtiroler, der in Österreich lebt, auch auf längeren Strecken mit. So beispielsweise, als er sich im Juni 2023 von seiner Heimatstadt Innsbruck auf den Weg nach Leipzig macht, wo er mit einem Solorezital sein Bachfest-Debüt geben wird. Das Konzert trägt den Titel: „Der stille Star“, denn im Mittelpunkt steht ein akustisch nicht sonderlich weittragender Exot unter den Tasteninstrumenten: das Lautenclavier.
Der Abend im Festsaal des Alten Rathauses markiert eine bemerkenswerte Doppel-Premiere. Waldner, ein Allrounder unter den historisch informierten Tastenmusikern, tritt erstmalig beim Festival auf, und das auf einem Instrument, das selbst in der ereignisreichen Historie des Bachfestes noch nie vor Publikum erklungen ist.
Was umso mehr verwundert, als das Lautenclavier oder Lautenclavicymbel, wie dieses Mitglied der Familie der Tasteninstrumente auch genannt wird, im Schaffen Johann Sebastian Bachs ein eigenes Kapitel für sich beanspruchen kann.
Nach den Erkenntnissen der Bach-Forschung befanden sich im Nachlass des Thomaskantors zwei Exemplare dieses Instrumententyps, dessen dynamische Reichweite mit dem des Clavichords vergleichbar ist. Das kann nur bedeuten: Bach wusste den Klang des „Lautenwerks“ sehr zu schätzen.
Die Saiten sind nicht aus Metall, also Messing oder Eisen, wie es beim Cembalo der Fall ist. Das Lautenclavier zeichnet sich vielmehr durch seine Darmsaiten aus, die ihm einen warmen und weichen, beinahe lieblich-sanften Klangcharakter verleihen. Eine zeitgenössische Quelle, die über das Instrument, seine Bauart und seine Verbreitung im thüringisch-sächsischen Raum in profunder Weise Auskunft gibt, ist Jakob Adlungs Musica mechanica organoedi. 1726 begonnen, aber erst posthum 1768 publiziert, nennt Adlung das Lautenclavier „das schönste unter den Clavieren nach der Orgel“, und beschreibt, wie täuschend echt sich auf ihm der Klang einer echten Laute imitieren lasse.
Leider hat keines dieser Lautenclaviere die Zeiten überdauert. Kaum zu klären ist ferner die Frage, ob die von Bach original für das Zupfinstrument Laute geschriebenen großen Suiten in e BWV 996 und in c BWV 997 sowie das Präludium, Fuge und Allegro in Es BWV 998 – allesamt Werke, die Waldner in seinem Leipziger Rezital zum Klingen bringt – nicht doch ursprünglich für das klangverwandte Lautenclavier gedacht waren. Triller, die auf der Laute unausführbar sind, und allein schon der Tonumfang, der über den der Laute hinausgeht, würden einen solchen Schluss nahelegen. Man merkt Waldner die ungezwungene Souveränität an, mit der er über das Thema spricht, ohne jemals den Anspruch auf endgültige Wahrheit zu erheben.
Scherzhaft bezeichnet er das Lautenclavier als das mythologische Einhorn unter den barocken Tasteninstrumenten, „weil man Nachbauten selten zu Gesicht bekommt und sich unter den Instrumentenbauern von heute kaum einer dafür interessiert.“ Es gibt allerdings einen herausragenden Spezialisten, den Waldner im Jahr 1999 mit der Rekonstruktion eines einmanualigen deutschen Lautenclaviers beauftragte und dessen Bauweise sich an jenem Exemplar orientieren sollte, das Bach um 1740 von Zacharias Hildebrandt anfertigen ließ. Es handelt sich um den Amerikaner Keith Hill, Jahrgang 1948, zweifelsohne eine Koryphäe seines Metiers, aber auch ein Vertreter jenes Künstlertyps, der mit seiner Arbeit die Fachwelt polarisiert. „Bei vielen Instrumentenbauern steht die handwerkliche Komponente sehr im Vordergrund. Ihre Instrumente sind perfekt gestaltete Kunsttischlerarbeiten.“ Keith Hill unterscheide sich von ihnen dadurch, dass er seine Instrumente als Vehikel betrachte, um eine bestimmte Klangvorstellung zu transportieren. „Das geht bei ihm so weit, dass er“, so Waldner, „eine eigene, in Büchern veröffentlichte Theorie des Instrumentenbaus propagiert.“
Viele rümpfen daher die Nase über Hill, der sein Wissen in den 1970er und 80er Jahren in Europa erworben hat. Selbst eigene Schüler hätten sich von ihm abgewandt. Interessanterweise traf Waldner den Amerikaner nur zweimal persönlich. Er ließ sich aus dessen Werkstatt immerhin zwei weitere Rekonstruktionen von Instrumenten liefern: Ein zweimanualiges französisches Cembalo nach Pascal-Joseph Taskin aus dem Jahr 1769 sowie ein zweimanualiges flämisches Cembalo nach Ioannes Couchet von 1640.
Zusammen mit dem Lautenclavier und neun anderen Instrumenten (das jüngste in der Chronologie der Tasteninstrumente ist ein originales Tafelklavier aus Dresden, gebaut um 1835) bilden sie eine „lebendige Sammlung“, mit der, so Waldner nicht ohne Stolz, die gesamte stilistische Bandbreite der Musik vom Spätmittelalter bis zur Frühromantik dargestellt werden kann.
Deshalb bietet Waldner auch Konzertprogramme mit Solo-Klavierwerken und Liedern der Schubert-Zeit an. Das Instrument seiner Wahl für dieses Repertoire ist ein Wiener Hammerflügel aus der Werkstatt von Robert Brown. Sein Nuancenreichtum sei dem des modernen Klaviers nicht nur weit überlegen, sondern vermittle auch ein anderes, tieferes Verständnis der Klangvorstellung, die Schubert 1823 bei der Komposition der Schönen Müllerin vor Augen hatte. Jedem Pianisten, der bisher nur mit Steinway & Co. vertraut war, sei ein Exkurs auf diesen Instrumenten nachdrücklich empfohlen. Es eröffnen sich neue Perspektiven in der Spielweise; auch der Sänger müsse weniger forcieren.
Überhaupt: Die Sensibilisierung für eine klangliche Varianz, wie sie sein privates Instrumentarium ermöglicht, ist dem 57-Jährigen in seiner Lehrtätigkeit ein besonderes Anliegen. Er unterrichtet am Tiroler Landeskonservatorium und an der Zweigniederlassung der Universität Mozarteum Salzburg, die sich beide in Innsbruck befinden.
Waldner räumt ein, dass die Zahl der Bewerbungen für ein Studium der Historischen Tasteninstrumente in den letzten Jahren merklich gesunken sei. „Es gab Zeiten, da konnten wir von den Besten der Besten nicht alle aufnehmen, so groß war der Andrang, so hoch die Qualität.“ Das sei aber vorbei. Wie beim klassischen Klavierstudium kämen heut eine Vielzahl der Studenten aus Fernost.
Festangestellt ist Waldner zudem als Organist und Kirchenmusiker der katholischen Landschaftlichen Pfarrkirche Mariahilf – ein Amt, das er seit 1988 ausübt und das von ihm die musikalische Gestaltung von zwei Gottesdiensten pro Woche abverlangt.
Wie viele Akteure der Alte-Musik-Szene führt Waldner also ein Doppel-, wenn nicht Dreifachleben: Als Kirchenorganist, als Hochschullehrer und ferner als freischaffender Konzertmusiker, als der er im Übrigen auf einen stattlichen Katalog von CD-Einspielungen zurückblicken kann. Laut der auf seiner Website abrufbaren Diskographie sind es 45 Alben aus den Jahren 1997 bis 2023. Jüngst entstand zum Beispiel eine Einspielung mit Werken Johann Caspar Ferdinand Fischers am 1624 erbauten Cembalo von Ioannes Ruckers im elsässischen Colmar. Doch damit nicht genug: Waldner ist auch als Musikmanager tätig. Im Herbst 1988 gründete er – damals noch Student – in Innsbruck eine Konzertreihe für Alte Musik, die heute „Innsbrucker Abendmusik“ heißt.
Als künstlerischer Leiter ist er für die Planung und Dramaturgie der vom Verein „Alte Musik in Innsbruck-Mariahilf“ getragenen Initiative verantwortlich und kümmert sich – in Zeiten nicht mehr selbstverständlicher Fördermittel immer wichtiger – sehr erfolgreich um Sponsorengelder. Sein Credo: Inhaltlich fundierte Arbeit zahlt sich aus. Klug konzipierte und gründlich recherchierte Programme mit engagierten Künstlern weiß das Publikum auf lange Sicht zu schätzen. „Dann sitzen bei einem Konzert nur mit Renaissance-Musik schon einmal 300 Personen in der Kirche.“
Apropos Konzert: Auf dem Rückweg von seinem Leipziger Gastspiel verschlug es Waldner noch ins nordhessische Hatzfeld an der Eder. Sein Auto war zwar noch mit dem Lautenclavier von Keith Hill beladen; aber das brauchte er nicht mehr. Denn dort gab er in der Emmauskapelle ein Konzert auf der historischen Rindt-Orgel von 1706.
ZUM AUTOR
Werner Kopfmüller studierte Klavier, Kultur- und Musikwissenschaft in Trossingen, Leipzig und Wien. Er wohnt in Leipzig und ist dort als freier Musikjournalist vorwiegend für die Leipziger Volkszeitung tätig, schreibt aber auch für diverse Fachmagazine.
Werner Kopfmüller - Bach Magazin Leipzig